Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend zurück erinnere (ich bin 1958 geboren), so sind mir insbesondere die Aktionen gegen einen starken Staat, gegen die immer stärker werdenden Eingriffe der Politiker ins Privatleben der Menschen und für einen Kampf gegen die eigene Freiheit in Erinnerung. Man wollte Cannabis legalisieren, man kämpfte für eine offene Sexualität und man hörte Protestsongs gegen den Vietnamkrieg, gegen die Unterdrückung einzelner Menschengruppen. Freiheit war damals das höchste Gut, für das es sich lohnte zu kämpfen.
Zu nah waren die Erfahrungen des Nationalsozialismus und allenthalben war die Grenze zur DDR in den Köpfen. Und vieles wurde auch erreicht in dieser Zeit. Die Frauen wurden gesetzlich den Männern gleichgestellt, das Verbot der homosexuellen Liebe wurde abgeschafft und auch der “Kuppel-Paragraph”, der es verbot dass unverheiratete Menschen zusammen ein Hotelzimmer nehmen konnten, kam auf den Müllhaufen der Geschichte.
Man lernte, miteinander umzugehen. Man lernte Toleranz gegenüber Andersdenkenden und auch wenn sich Bayern schwer tat mit einer jahrzehntelangen absoluten Mehrheit der CSU, “Leben und leben lassen” funktionierte manchmal sogar im tiefschwarzen Freistaat. Liedermacher wie Konstantin Wecker, Reinhard Mey oder Hannes Wader und viele andere halfen dabei. Zwar versuchte der bayerische Rundfunk und andere öffentlich-rechtliche Anstalten, einige Künstler durch Zensur auszuschalten, jedoch passierte das Gegenteil: Eine bessere Werbung für Künstler konnte es gar nicht geben, als von BR nicht gespielt zu werden. Eine der am häufigsten zensierte Gruppe der damaligen Zeit war die Kölner Politrockband und Kabarettgruppe Floh de Cologne.
Konstantin Wecker sagte damals: “Man merkt mit der Zeit, dass eine nie ausgesprochene Zensur einfach da ist. Man spürt auch, dass man eine gewisse Alibi-Funktion erfüllt.” Und weiter: “Unsere ganz subtile Form des Wegs zum Faschismus funktioniert über die Medien”. Aber es regte sich immer mehr der Widerstand. In der Münchner Lach und Schießgesellschaft durfte man fast sagen, was man dachte – und das in Bayern.
Und heute? Die Studenten sind angepasster als die “Spießer” der 70er Jahre geworden. Ja nicht auffallen, schnell den “Bachelor” machen, sonst könnte einem ja jemand anderer den begehrten Job in der Industrie wegschnappen. Schon die Kinder lassen in der Schule ihre Nachbarn nicht mehr abschreiben, könnte der andere doch bessere Noten bekommen als man selbst. Die eigenen Befindlichkeiten werden über alles andere gestellt, statt einem Miteinander findet man häufig Egoismus. Und wenn die eigenen Befindlichkeiten einmal nicht entsprechende gewürdigt werden, schreit man nach einem starken Staat, nach Gesetzen, die Andersdenkende ausgrenzen.
Sehr deutlich kann man das bei den derzeitigen Diskussionen um die Rauchverbote sehen. Obwohl in Bayern mittlerweile 89 Prozent aller Gastflächen Rauchfrei sind, fordert die christlich-konservative Splitterpartei “ÖDP” ein totales Rauchverbot in der bayerischen Gastronomie – und im Gegensatz zu ihrer Forderung nach einem Handyverbot konnte sie 14 Prozent der bayerischen Bevölkerung davon überzeugen, ein Volksbegehren zu unterschreiben, welches dieses totale Rauchverbot in Bayerns Gastronomie zum Ziel hat. Zwar nicht alleine, als Steigbügelhalter boten sich große Teile der SPD sowie die Grünen an. Die selben Grünen, die einst für eine Freigabe von Cannabis kämpften, die selben Grünen, die sich so gerne als “Minderheitenschützer” ins Rampenlicht stellen.
Die österreichische Zeitschrift “Die Presse” hat zu diesem Thema einen interessanten Artikel geschrieben. Überschrift: “Von der Sehnsucht, beschränkt zu sein”. Der Artikel beginnt mit den Worten: “Früher gingen die Bürger auf Barrikaden, um Freiheit und Selbstbestimmung zu erkämpfen. Heute verlangen sie ihre Teilentmündigung. Über Verbotswahn, Rundumvorsorge und das neue Biedermeier.” Ich möchte gerne einen Absatz dieses Artikels zitieren, der das Ganze recht gut trifft:
Im Dienste der Gesundheit sei das Rauchverbot erlassen worden, erzählen Politiker Herrn Staub (Chef des Wiener Café Sperl). Der wundert sich, wo bei all dem Gerede über die Gesundheit der gesunde Menschenverstand geblieben ist. Unfassbar eigentlich, denkt Herr Staub, dass die Politik vorschreiben kann, was er, das Personal sowie seine mündigen Gäste zu tun und zu unterlassen haben, in seinem Kaffeehaus. Mit derselben Argumentation könnte er ja auch angewiesen werden, fortan keinen Alkohol mehr auszuschenken. Höchst gefährlich sei zudem cholesterinhaltiges Fett, kalorienreicher Zucker. Die Gastronomie der Zukunft böte, gesetzlich bedingt, Milchrahmstrudel ohne Milch und Rahm. Schokotorte ohne Schoko. Wiener Schnitzel ohne Panier, kredenzt mit Wein ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein. Alles im Dienste der Gesundheit. Alles grundvernünftig. Was Herr Staub nicht ahnt: In den USA, wo auch die Rauchthematik ihren Anfang genommen hat, wird bereits an der Umsetzung von staatlichen Getränke- und Essensregulierungen gearbeitet.
Der Artikel in der Presse weist auch darauf hin, das das Ganze kein gefühltes Konstrukt ist, sondern bittere Realität. In einer Umfrage des Emnid-Institutes kamen erschütternde Zahlen zum Vorschein: Gerade einmal 42 Prozent der Westdeutschen und 28 Prozent der Ostdeutschen finden, dass Freiheit ein wichtiges politisches Gut ist. Darüber hinaus kann sich die überwiegende Mehrheit der Deutschen durchaus vorstellen, in einem undemokratischen Staat zu leben, wenn dieser für Arbeitsplätze und Sicherheit sorgt.
Auch die perfiden Methoden, mit denen den Menschen immer mehr Rechte entzogen werden, beschreibt der Artikel:
Je nachdem, welches Verbot, welche Einschränkung beschlossen werden soll, wird die jeweilige Minderheit (Raucher, Jugendliche, Arbeitslose et cetera) gegen die jeweilige Mehrheit ausgespielt. Eine Befragung oder Volksabstimmung ist schnell gemacht, und das Resultat vorab gewiss. Denn für gewöhnlich sind Menschen durchaus bereit, Freiheiten anderer einzuschränken, solange sie nicht auf die Idee verfallen, dass beim nächsten Mal, bei der nächsten Abstimmung, ihre Interessen unter den Hammer kommen könnten. Und jene, die nicht einmal etwas dabei finden, eigene Freiheiten aufzugeben, bringen ohnehin keinerlei Verständnis auf für den Freiheitswunsch anderer.
Wer sich dann die Kommentare der Totalitaristen unter Artikel wie dem von der “Presse”, aber auch vielen anderen die sich kritisch mit dem immer mehr grassierenden Verbotswahn beschäftigen ansieht, erkennt, wie weit wir schon gekommen sind auf der Sucht nach Entmündigung. Reinhard Mey beschreibt in seinem Lied “Sei wachsam” wie es funktioniert: “Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, ich halt sie arm.”
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Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des nächsten beginnt! (Keine Ahnung, wer das zuerst gesagt hat???)
Insofern finde ich es inkorrekt eine Verbindung zwischen Freiheit und Rauchen herzustellen: Fakt ist, ein einziger Raucher reicht aus, um einen Gastraum einer Wirtschaft zu “verseuchen”. Traditionell musste man als Nichtraucher dann “wegriechen”.
Ich denke, ohne das Verbot wäre es nicht zu so einem Umschwung gekommen, dass die Mehrheitsverhältnisse, welche hier per Volksentscheid gefunden wurden, auch den Gaststätten übergestülpt wurden. Ein Gastwirt aus der Vor-Verbots-Ära hätte begründete Angst, sich als “uncooler Spießer” zu outen, sich in eine Reihe mit Lehrern und besorgten Muttis zu stellen und den Zeige-Finger zu heben.
Nächster Aspekt: Wenn Ihr Arbeitgeber mit einem bittersüßen Lächeln eröffnet, dass aus Kostengründen leider in Zukunft auf Lärmschutz und Staubfilter verzichtet werden muss, dann haben Sie hoffentlich eine starke Gewerkschaft, die dagegen angeht, weil als Einzelner haben Sie wirklich schlechte Karten. Aber Moment mal … sind Aushilfskellner überhaupt in irgendeiner Gewerkschaft? In der Sklavenkaste des Gastronomiegewerbes können Sie doch nicht allen Ernstes erwarten, dass alle für ihre Meinung einstehen und sie vor ihrem Chef dem Wirt verteidigen? Wer aufmuckt hat nur noch die Freiheit zu gehen! So kann der Wirt, der finanzielle Einbußen fürchtet, vollmundig verkündigen, dass er und *alle* seine Mitarbeiter sich selbstverständlich überhaupt nicht am Rauch stören.
Stellt sich die Frage, ob es nötig ist, das Rauchen wirklich in allen Kneipen zu verbieten? Ich denke ja, ganz einfach, weil ich befürchte, dass im Zweifelsfall die Droge gewinnt und die Gastwirte neidisch auf die Nachbarn schielen und sich in einer Welle wieder gegenseitig unter Druck setzen, das vermeintliche “Feature” Rauchen zu ermöglichen. Wenn keiner darf, gibt es diese Konkurrenz einfach nicht.
So, die Grünen wollten also früher mal die Legalisierung von Canabis? Und im Widerspruch fordern sie jetzt Rauchverbote? Die Lösung liegt darin, dass das Rauchen an sich ja weiterhin erlaubt bleibt. Hypothetisch gesprochen wäre es doch genauso möglich, sich im privaten Kämmerlein ne Tüte zu drehen, oder? Praktischerweise sind Kiffer, die ihre Selbstkontrolle verlieren lieber nicht in der Öffentlichkeit, wo sie sich vor Kollegen und Verwandten völlig gehen lassen. Andererseits spricht dagegen, dass Canabis eine Einstiegsdroge auf dem Weg zu härteren Sachen ist. Mit einem normalen Raucher kann man immerhin noch vernünftig reden, weil er nicht irgendwann wegtritt. Insofern hoffe ich sehr, dass die Grünen inzwischen von dem Trip endgültig runter gekommen sind.
Gut, mit der Gesundheit des Einzelnen zu argumentieren ist mir auch nicht eingängig. Für mich ist Passivrauchen vor allem eine unangenehme Geruchsbelästigung. Das Krebsrisiko ist so abstrakt, dass ich es in dem Moment nicht konkret fassen kann. Was ich aber sehr wohl sehe ist der kumulative Effekt, wenn am Ende des Jahres Kassensturz bei der Krankenkasse gemacht wird. Unabhängig von den Gewinnen, die die selbst einstreichen, sind das Kosten, die mir als Nichtraucher mit auferlegt werden. Darum hinkt der Vergleich, eine angeblich teilnahmslose Mehrheit werde gegen die Minderheit ausgespielt. Ich für meinen Teil bin durchaus überzeugter Nichtraucher. Und wenn sie unterstellen, dass die anderen auch nicht für die Folgen des Rauchens zahlen wollen, haben auch sie ein begründetes Motiv sich in dem Volksentscheid zu äußern. Das sollte man nicht mit der schweigenden Masse verwechseln, welche sich gar nicht äußert. In “Kein Kommentar” darf man nicht nach eigenem Gutdünken etwas hinein interpretieren.
Andererseits ist es aber auch unehrlich, die Raucher via Tabaksteuer für alles mögliche andere zu melken. Offensichtlich hat dieses Instrument der Politik den Rauchern bislang nicht das Streichholz ausblasen können. Mal sehen, ob es das Rauchverbot schafft?!?
Weitere Verbote? Nein! Rauchen soll nicht in den Untergrund abgedrängt werden, sondern in kleinen “Raucher-Folter-Telefonzellen” öffentlich zur Schau gestellt werden. Es soll nicht heißen: “Boah cool, wie der Marlboromann in den Sonnenuntergang reitet und dabei kleine Wölckchen ausstößt!” Statt dessen soll es heißen: “Och die armen Raucher, schlottern draußen in der Kälte und hoffen, dass es nicht regnet. Und diese Schnappatmung, wenn sie die Treppen zum 3.ten Stock wieder erklommen haben.”
Die überzeugten Raucher mögen bis zum letzten Atemzug an der Kippe saugen. Das müssen sie für sich entscheiden, das ist ihre ureigene Freiheit. Aber insbesondere sollen sie nicht die Entscheidungsfreiheit der nachfolgenden Generation einschränken, indem sie als Idole vorbildhaft das Rauchen propagieren. Denn wer die Phase der Orientierungssuche im Jugend- und frühem Erwachsenen-Alter erst überstanden hat ist trotz der legalen Möglichkeit, jederzeit das Rauchen beginnen zu können, nahezu immun gegen diesen Reiz.
Alkohol? … Neee, das Fass mach ich heute Abend nicht mehr auf *lach*
MfG
private_lock
PS: Ich habe mich gefragt, wer sich eine kostenpflichtige “Feuerzeug”-App auf das IPhone lädt. Aber jetzt ist alles klar: Damit kann man wunderbar Raucher foppen, wenn sie nach Feuer fragen *grins*
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