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Hysterisches Klima

26. April 2010
Von Aranita

Nicht nur auf Spielplätzen greift immer mehr Hysterie um sich.

Beim morgendlichen Stöbern durch diverse Blogs ist mir ein Artikel aufgefallen, der eindrucksvoll die Hysterie beschreibt, die sich immer mehr in unser Leben einschleicht. Ich poste hier diesen Artikel aus dem Blog “ad sinistram“, den Roberto J. De Lapuente verfasst hat. Interessant sind auch die Kommentare auf der Originalseite. Vielleicht regt der Artikel ja zum Nachdenken an, besonders weil diese Hysterie sich nicht nur auf das beschriebene Thema beschränkt.

Als Mann alleine am Rande eines Spielplatzes zu sitzen, mag heute zuweilen schon ein gefährliches Unterfangen sein. Blitzartig beginnen die anwesenden Mütter oder Paare, die mit ihren Kindern zugegen sind, mit einer optischen Abtastung der sexuellen Befindlichkeit, schwenken von der Unschuldsvermutung ab und verdächtigen vorab. Lächelt man dann einem drolligen Kind zu, scherzt mit ihm, scheint der Verdacht halbwegs beglaubigt. Niemand würde nun die Polizei rufen, wahrscheinlich nicht mal ein Wort verlieren – aber der Spielplatz würde freigegeben, würde geräumt, um den Perversling in spe mit seinen Absichten alleine zurückzulassen. Einer vereinzelten Frau würde so etwas nie widerfahren: das ist eine ganz besondere Note von Gleichberechtigung.

Natürlich ist dem sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Aber nicht erst diese gebündelte Flut an bekanntgewordenen Fällen der letzten Monate, schürt eine Überspanntheit, die beinahe krankhafte Formen annimmt. Schon vormals bahnten sich voreilige Schlüsse und Misstrauen ihren Weg. Nun wird am Runden Tisch gegen Missbrauch so manches diskutiert, Sinnvolles auch, Notwendiges natürlich – doch bestimmte Punkte spiegeln die verstiegene Überreiztheit wider, mit der diese Gesellschaft reagiert. Überschüttet von endlosen Missbrauchsmeldungen und Horrorberichten, scheint eine weniger emotionalisierte Debatte gar nicht mehr möglich. Und langsam schleicht sich eine Prüderie in das Alltagsleben, die eigentlich seit den Fünfzigerjahren ausgetrieben schien.

So moniert man beispielsweise das gemeinschaftliche Duschen von Jugendtrainern mit ihrer Mannschaft. Was hier als dreister Voyeurismus seitens der Übungsleiter dargestellt wird, dürfte in jeder jugendlichen Fußballmannschaft vorkommen – man duscht zusammen, reinigt sich von Schweiß und Dreck, so wie man vorher zusammen im Sport vereint war. Man frönt jedoch keinerlei sexuellen Absichten. Was hier praktiziert wird, ist ein zwangloser Umgang mit Nacktheit, wie er unter Fußballern generell üblich ist. In einer Mannschaft sind alle gleich, sollten alle gleich sein – daher haben auch alle dasselbe unter der Gürtellinie und niemand muß sich irgendeiner Andersartigkeit schämen. Es können natürlich auch hier in der Vergangenheit Fälle von Missbrauch und Belästigung aufgetreten sein: aber generell die bloße Nacktheit anzufeinden, zeugt von blanker, rigoroser Hysterie, die keinen Anspruch auf Unterscheidung von Sachverhalten mehr kennt. Setzt man sich mit einer solch schamhaften Verklemmtheit an den Tisch, kriminalisiert man Praktiken, Normalitäten des Alltags, die überdies einem gesunden Selbstbewusstsein förderlich wären. Alternativ kriminalisiert man womöglich auch noch Eltern, die auch vor ihren Kindern keine Scham kennen und ihre Nacktheit ganz unkompliziert ausleben; und Eltern, die mit ihren Kindern den FKK-Strand besuchen, müssen sich davor fürchten, als sexuell perverse Erziehungsberechtigte eingestuft zu werden, denen man womöglich das Sorgerecht entziehen sollte.

Wer künftig mit Kindern zu tun hat, soll besser geprüft werden, heißt es im Vorfeld des Tribunals am Runden Tisch. Jeder Kindergärtner, jeder Pfleger, jeder Lehrer steht a priori unter Verdacht – Männer eher noch als Frauen, darf man annehmen. Die politische Trias der Bekämpfung besteht auch nur aus Frauen, Männer finden leider nicht dazu. Sie sind in der Mehrzahl Täter – möglich, dass man daher keinen Mann als einen der Wortführer an seiner Seite haben will. Die Unschuldsvermutung wackelt. Selbstverpflichtungserklärungen, spezielle Führungszeugnisse und ausgetüftelte Bewerbungsfragen sollen potenzielle Pädophile abschrecken oder gar überführen. Aber pädophil ist vorab nicht nur der Pädophile – pädophil sind zunächst alle, bis das Gegenteil vermutet werden darf. Und vermutet wird nur, wenn der Verdächtigte seine Bringschuld erfüllt und Beweise seiner Unschuld vorlegt. Beweislastumkehr als neues Prinzip eines hysterischen Rechtsverständnisses! Man muß befürchten, dass in Zukunft ganze Berufsgruppen kriminalisiert und vorverdächtigt werden. Wehe dem, der seine Gläubigkeit an den Kanon erlaubter sexueller Neigungen nicht beweisen kann. Und wehe den Schwulen! Denn in Zeiten, in denen plötzlich wieder fast mccarthyistisch sexuelle Gepflogenheiten geprüft werden, sind sie stets beliebtes Opfer.

Was sich seit Jahren schon zeigt, schlägt jetzt in der Stunde der unzähligen Missbrauchsfälle, jetzt am Runden Tisch, gnadenlos durch. Es ist Hysterie, die latent immer schon herrschte, die nun aber auch in der öffentlichen Debatte walten darf. Wenn aus gemeinsamen Duschen eine Form sexuellen Missbrauchs, jedenfalls eine Vorstufe dorthin wird, hat die Debatte ihr eigentliches Ziel verfehlt und rennt gegen Windmühlen an. Stellte sich heute ein Vater vor diesen Runden Tisch und erklärte, er dusche oft mit seinen Kindern gemeinsam, weil in seiner Familie ein offener Umgang mit Nacktheit gepflogen wird: man wüsste nicht, wieviele Entrüstet aufschreien würden, um ihn einen Perversling zu nennen.

Und noch etwas zeigt die aufgestachelte, diese hysterische Debatte: die Gleichheit der Geschlechter ist antastbar. Der sexuelle Straftäter ist meist männlich – und alle Männer, die sich Kindern nähern, sind deshalb suspekt. Hier greift sie noch, die Rollenverteilung von der kinderliebenden Mutter und dem gewaltfreudigen Vater. Eine Rollenverteilung, die kaum angefeindet wird – sie kennt keine Streiterinnen für Gleichheit. Diese Ungleichheit ist akzeptabel und die Maßnahmen gegen den Missbrauch, die nun ergriffen werden sollen, werden vorallem Maßnahmen gegen Männer sein. Misandrie vorprogrammiert! Und wehe solchen Männern, die sich emanzipieren wollen, die sich in einem möglichen zukünftigen Szenario wie verdächtigte Sexualverbrecher vorkommen und dagegen aufbegehren: ihr Aufschrei wird als Unterstützung von Perversen abgekanzelt, als unverantwortlicher Gerechtigkeitsfimmel zulasten der Kinder.

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