Heute kennt ihn kaum mehr jemand – aber in den Anfängen der Vernetzung war Günter Freiherr von Gravenreuth, von Freunden und Feinden nur “Günni” genannt, der wohl meist gehasste Mann der jungen Computerszene. Sein Geld verdiente er hauptsächlich mit Abmahnungen. In den 80er Jahren jagte er die Raubkopierer der C64-Szene. Später versuchte er, sich in illegale Mailboxen einzuschleichen und die Betreiber dann anzuzeigen.
Bekannt und gehasst wurde der Anwalt durch seine Tanja-Aktion. Er ließ von einem Fotomodell Bilder machen, nannte die Figur Tanja Nolte-Berndel und meldete sich unter diesem Namen in Mailboxen an. Dann hinterließ er Postings, in dem “Tanja” schrieb, sie hätte kein Geld und würde aber trotzdem so gerne Computerspiele spielen. Ob ihr nicht jemand welche zukommen lassen würde. Er hatte damit den Nerv der Zeit getroffen: Die Mailboxbenutzer waren zum Großteil männlich und durch ihr Hobby Computer hatten die wenigsten eine Freundin. Da kam “Tanja” gerade Recht. Sobald von Gravenreth dann die raubkopierten Spiele bekommen hatte, bekam der Absender eine Abmahnung.
Später soll er mit Kim Schmitz alias “Kimble” zusammengearbeitet haben. “Kimble” fehlte auf kaum einer Veranstaltung, wo es um Computer oder Netze ging und hatte die entsprechenden Kontakte. Es ging zu jener Zeit weniger um Computerspiele, sondern um sogenannte Calling-Cards. Diese Karten enthielten einen Code, den man bei einer kostenlosen Rufnummer angeben konnte und dann konnte günstiger als bei der damaligen Deutschen Bundespost über AT&T oder andere amerikanische Telefongesellschaften telefonieren. Die Gebühren wurden dem Besitzer der Karte in Rechnung gestellt. Da die Telefonkosten damals schnell in den vierstelligen Bereich schnellen konnten wenn man viel online war, waren diese illegalen oder gestohlenen Calling Cards ein gewinnbringendes Geschäft, bei dem von Grafenreuth auf Kenner der Szene angewiesen war. Kim Schmitz soll sich die Daten der illegalen Calling-Card-Benutzer aus diversen Mailboxen geladen haben und diese dann an den Anwalt verkauft haben.
Ich selbst habe von Gravenreuth bei einem Treffen Computerbegeisteter kennengelernt, wo sowohl er als auch ich Vorträge hielten. Ich habe den Anwalt als beredten Gesprächspartner in Erinnerung, der es trotz seines schlechten Rufes in der Szene immer wieder schaffte, neue Kontakte und Bekanntschaften zu schließen. Er lud mich ein, mit ihm nach München zurückzufahren – heute weiß ich nicht mehr, warum ich diese Einladung abgelehnt habe und lieber mit dem Zug gefahren bin.
So hart wie von Gravenreuth zu anderen war, so war er es auch zu sich selbst. Er hätte Ende Februar eine Haftstrafe wegen Betrugs antreten müssen. Diese Schande wollte er wohl nicht über sich ergehen lassen. “Günni” hat sich in der Nacht zum 22. Februar 2010 im Alter von 61 Jahren in München erschossen, nicht ohne dies seinen einstigen Feinden von Heise oder gulli.com per Mail mitzuteilen.
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